Angst vor dem Wolf: Reiter und Züchter fordern Unterstützung beim Herdenschutz

Angst vor dem Wolf: Reiter und Züchter fordern Unterstützung beim Herdenschutz

Wölfe haben bereits Pferde gerissen. Verbände kritisieren, dass empfohlene Schutzmaßnahmen in der Pferdehaltung nicht praktikabel sind.

Er ist ein gefürchteter Jäger, schlägt meist im Dunkeln zu und macht auch vor Weidetieren keinen Halt: Der Wolf erregt aktuell die Gemüter. Nachdem der Beutegreifer weit über 100 Jahre von der Bildfläche verschwunden war, macht er seit 2000 wieder offiziell die Wälder unsicher. Tierschützer freuen sich über seine Rückkehr nach Deutschland, Landwirte fürchten um ihr Vieh. Und auch viele Pferdezüchter und Reiter stehen dem Raubtier kritisch gegenüber. Zehn Pferdesportverbände aus Nordrhein-Westfalen haben sich nun zusammengeschlossen und an die Politik gewandt. Sie fordern einen sachlichen Dialog. Denn obwohl der Wolf längst durch NRW schleicht, sind noch viele ihrer Fragen unbeantwortet.

Laut Naturschutzbund (Nabu) lebten im vergangenen Jahr 73 Wolfsrudel, 30 Paare und drei Einzeltiere in Deutschland, die meisten von ihnen in Brandenburg, Sachsen und Niedersachen. In NRW sind aktuell zwei Wölfe sesshaft: Die Schermbecker Wölfin GW954f und ihre Senner Artgenossin GW1044f. Weitere Tiere wurden auf der “Durchreise” gesichtet. Am 1. Oktober 2018 wies das Land in Folge dessen das Wolfsgebiet Schermbeck im Kreis Wesel am Niederrhein aus, am 20. Dezember ein weiteres Areal in Senne im Kreis Gütersloh. In diesen Gebieten und den “Pufferzonen” im Umkreis davon erhalten Landwirte finanzielle Unterstützung vom Land für Herdenschutzmaßnahmen. Eine weitere Pufferzone wies das Umweltministerium im April an der Grenze zu Rheinland-Pfalz aus.

  • Dieser Verbände haben das Positionspapier unterzeichnet:
  • Pferdesportverband Rheinland e.V.
  • Pferdesportverband Westfalen e.V.
  • Rheinisches Pferdestammbuch e.V.
  • Westfälisches Pferdestammbuch e.V.
  • Islandpferde – Reiter- und Züchterverband Landesverband Rheinland e.V.
  • Islandpferde – Reiter- und Züchterverband Landesverband Westfalen-Lippe e.V.
  • Erste Westernreiter Union Rheinland e.V.
  • Erste Westernreiter Union Westfalen e.V.
  • Aktionsbündnis Pro Pferd e.V.
  • Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V.
Reiter sind bei Wolfsangriffen in besonderer Weise betroffen

Die Angst vor dem Beutegreifer ist gerade unter Reitern groß. Denn für sie ist das Pferd viel mehr als ein Nutztier. Die Verfasser des Positionspapiers appellieren an die Politik, auch zu berücksichtigen, dass viele Kinder im Pferdesport aktiv sind. Sie würde es besonders hart treffen, den liebgewonnenen Partner plötzlich und auf so grausame Weise zu verlieren: „Wir machen darauf aufmerksam, dass etwa die Hälfte der mehr als 150.000 organisierten Pferdesportler in den nordrhein-westfälischen Vereinen Kinder und Jugendliche sind. Nichts und niemand bereitet sie auf die Möglichkeit der traumatisierenden Erfahrung vor, eines der geliebten Pferde oder Ponys könnte durch einen Wolfsriss getötet oder verletzt werden.“

Bisher dominierten gerissene Schafe und Ziegen die Debatten von Wolfsbefürwortern und -gegner. Dass Wölfe auch Pferden durchaus gefährlich werden können, haben sie aber bereits gezeigt. Erst im Februar riss ein Rudel das Isländerfohlen Snot auf dem Hof Hrafnsholt in Niedersachsen. In Sachsen-Anhalt fielen zwei Koniks Wolfsangriffen zum Opfer, wie eine DNA-Analyse bestätigte.

Schutzzäune sind in der Pferdehaltung problematisch

Spezielle Zäune können Weidetiere vor Wolfsangriffen schützen. Die, so kritisieren die Verbände und Experten, entsprechen aber nicht den Zaunvorgaben für Pferdekoppeln des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Pferde könnten sich mit den Beinen leicht darin verfangen und verletzen. Die Folge: Weiden müssten doppelt umzäunt werden. „Ernstzunehmende Wolfsschutzzäune werden nur realisiert werden können, wenn außerhalb der pferdegerechten Einzäunung ein zweiter Zaun erbaut wird“, so die Verbände. Ob solche Doppelzäune überhaupt genehmigt würden, sei jedoch unklar. Außerdem würden Wolfszäune andere Wildtiere „aussperren“, die ihre Nahrung sonst auf den Wiesen suchen.

Und mit dem Bau eines Zauns ist es nicht getan. Damit er die Tiere wirklich schützt, muss der regelmäßig freigeschnitten werden. Dafür und für anfallende Reparaturarbeiten fordern die Verfasser finanzielle Unterstützung vom Staat. Der übernimmt zurzeit nur die Kosten für den Zaunbau. Ein nächtliches Aufstallen der Pferde als Alternative zum Zaun sehen die Verbände ebenfalls kritisch, weil das in der Praxis oft kaum umzusetzen sein dürfte.

Hunde schützen Pferde vor dem Wolf

Um ihre Vollblutaraber vor Wölfen zu schützen, geht Züchterin Beatrix Hewig aus Hennef im Rhein-Sieg Kreis ihren eigenen Weg. Seit drei Jahren beschützen Hunde ihre Herde. „Die Entscheidung, mir Herdenschutzhunde zu holen, kam 2016, als der Cuxhavener Rüde knapp 20 Kilometer entfernt zwei Ziegen riss“, erinnert sie sich. Seitdem kam der Wolf ihren Pferden immer näher, wurde zuletzt mehrfach nur 15 Kilometer entfernt gesichtet. Wegen der dichten Siedlungsstruktur und hohen Weidetierdichte in NRW glaubt sie, dass Wölfe Pferden hier schnell gefährlich werden können. „Ich empfinde es als meine Pflicht, meine Pferde zu schützen“, betont Hewig. Und dazu hat sie sich Hilfe geholt: „Da ich berufstätig und nicht direkt vor Ort bin, war auch das ein Grund, diese Hunde bei den Pferden zu halten.“

Die mazedonischen Herdenschutzhunde passen auf, dass sich den Vollblutarabern von Beatrix Hewig kein Wolf nähert. Foto: Beatrix Hewig

Damit die Konstellation für Hund und Pferd stressfrei funktioniert, müssen jedoch einige Voraussetzungen gegeben sein. Denn die robusten Hunde, die ganzjährig mit der ihnen anvertrauten Herde leben, sind sehr selbstständig. Sie treffen eigene Entscheidungen, auch darüber, wen sie als Eindringling wahrnehmen und abwehren. Auf Publikumsverkehr können sie deshalb gestresst reagieren. Beatrix Hewig hat ihre mazedonischen Herdenschutzhunde daher von Beginn an daran gewöhnt, dass Fremde auf dem Hof sind, auch, weil sie an Infotagen die Arbeit mit den Hunden vorstellt. Andere Hunde sind jedoch nicht erlaubt, die würden die Tiere „als Gefahr und Eindringlinge sehen“.

Nicht praktikabel ist die Hundehaltung laut Hewig in Pensionsställen, weil dort ein steter Wechsel in der Herde stattfindet. „Dann gibt es Probleme, da die Hunde jedes Mal ein neues Pferd erst als Schützling anerkennen müssen. So lange das nicht der Fall ist, wird es eher als Eindringling erkannt und verbellt“, erklärt die Araberzüchterin. Unproblematisch sei hingegen die Geburt von Fohlen. Die würden sofort von den Hunden akzeptiert und beschützt. Für Züchter mit einer festen Herde ist es deshalb laut Hewig durchaus sinnvoll, diese den großen Hunden anzuvertrauen.

Pferde zeigen wohl keine Scheu vor Wölfen

Die Verbände betonen, dass Betriebe trotz Schutzmaßnahmen Wolfsrisse fürchten müssten. Der niedersächsische Arbeitskreis „Pferd und Wolf“, in dem unter anderem Experten des Nabu, der Pferdeland Niedersachsen GmbH und der Universität Hildesheim zusammenarbeiten, kommt zu dem Schluss, dass „vor allem Fohlen und Jungtiere geschützt werden“ sollten. Eine Langzeitstudie soll nun Aufschluss darüber geben, wie Pferde auf Wölfe reagieren. Im Herbst 2018 stellten Forscher der baden-württembergischen Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen Wildkameras auf einer Weide im niedersächsischen Kreis Celle auf. Die Bewegung der dort lebenden Pferde werden per GPS aufgezeichnet.

Wir haben beobachtet, dass Pferde keine Panik zeigen, wenn ein Wolf auftaucht – eventuell halten sie ihn für einen grauen Schäferhund“, berichtete die Leiterin der Studie, Konstanze Krüger, kurz nach Start des Projekts der Cavallo. Die Experten erwarteten damals, dass sich das mit der Zeit ändert und die natürlichen Schutzreflexe der Pferde auf der Weide wieder erwachen. Denn bei den Wolfsangriffen in Sachsen-Anhalt seien nur Fohlen gerissen worden, deren Mütter noch nicht lange im Wolfsgebiet gelebt hatten, die also vermutlich keine Scheu vor dem Raubtier gezeigt hätten.

  • Empfehlungen für Ausritte im Wolfgebiet (Quelle Arbeitskreis „Pferd und Wolf“):
  • Keinesfalls fluchtartig davon galoppieren, sondern Ruhe bewahren.
  • Die Pferde nebeneinander (als Einzelreiter auch allein) den Wölfen zugewandt aufstellen, damit die Pferde die Wölfe sehen können.
  • Um die Pferde nicht zu beunruhigen, keinesfalls in die Hände klatschen oder mit den Armen wedeln.
  • Sollten die Wölfe sich nicht gleich entfernen, sollte man im Schritt langsam auf die Wölfe zu- oder an ihnen vorbeireiten.
  • Auf keinen Fall sollte man den Wölfen folgen oder hinterher reiten, um zum Beispiel Fotos der Tiere zu machen. Wölfe sind wie alle Wildtiere, wenn sie in die Enge gedrängt werden, zur Verteidigung bereit.
  • Wenn ein Hund beim Ausritt dabei ist: Beachten Sie, dass Wölfe Hunde als Konkurrenten in ihrem Territorium betrachten könnten. Hunde sollten deshalb in Wolfsgebieten angeleint sein und am Pferd und am Menschen bleiben.

Diese Theorie scheint sich bisher nicht zu bestätigen, wie Krüger im Gespräch mit Pferde-Reich erzählt. „Wir stehen ganz am Anfang unserer Forschung und Fakt ist, dass der Wolf sich schneller ausbreitet, als wir dachten“, erklärt die Tierärztin. Da die Raubtiere aktuell noch oft alleine unterwegs sind, schätzt sie die Gefahr eines Angriffs auf erwachsene Pferde als gering ein. Fohlen und auch Jährlinge passten jedoch durchaus ins Beuteschema des Wolfs. „Wir wissen nicht, ob ein ganzes Rudel möglicherweise auch einem ausgewachsenen Pferd gefährlich werden kann“, fährt sie fort. Da Wölfe innerhalb eines Rudels eigene Jagdgewohnheiten entwickeln, sei es durchaus denkbar, dass sich im Laufe der Zeit einige auf Haustiere statt Wild spezialisieren.

Verbände kritisieren den Einsatz ehrenamtlicher Wolfsberater

Problematisch ist nach Ansicht der Verbände dann die Dokumentation von Wolfsrissen. Um entsprechende Entschädigungen zu erhalten, muss zurzeit ein vom Landesumweltamt (Lanuv) Beauftragter Experte herauskommen und genetische Spuren sichern. Noch sind diese Wolfsberater jedoch rein ehrenamtlich tätig. Die Verbände fürchten, dass sie daher im Zweifel nicht rechtzeitig vor Ort sein könnten, um noch verwertbare Proben zu nehmen. Die Nähe einiger Berater zu Organisationen, die für den Schutz der Wölfe eintreten, stufen sie ebenfalls als fragwürdig ein. Gerade in der emotional aufgeladenen Situation sei es wichtig, „das Vertrauen betroffener Tierhalter in die Neutralität der Rissprotokolle zu untermauern“.

Ein Wolfsangriff kann, selbst wenn kein Tier dabei zu schaden kommt, schwerwiegende Folgen für Pferdehalter haben. Denn sollten Tiere dabei etwa in Panik von der Weide fliehen und einen Unfall anrichten, muss der Halter dafür haften – auch wenn alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden. Weil Pferde als „Luxustier“ eingestuft werden, können private Besitzer nicht über die Gefährdungshaftung (also Haftung für Schäden, die ohne Verschulden des Haftpflichtigen entstanden sind) entlastet werden. Unter diese Regelung fallen auch Pferdesportvereine. Die Verfasser wünschen sich, dass dieser Aspekt ebenfalls im weiteren Diskurs berücksichtigt wird.

Text: Lena Reichmann

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