Der Turniersport schafft sich ab

Der Turniersport schafft sich ab

Weniger Start, weniger Reiter, weniger Pferde: Die Zahlen im Turniersport sind rückläufig. Ein Erklärungsversuch der FN.

In den vergangenen Jahren scheint sich ein beunruhigender Trend im Turniersport abzuzeichnen. Statistiken der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) dokumentieren, wie die Szene an allen Enden zusammenschrumpft. Doch woran liegt das? Fehlt in den Vereinen das Engagement, ein Turnier auszurichten? Gelingt es ihnen nicht mehr, genug Nachwuchs für den Sport zu begeistern? Oder haben sich die Interessen in einer immer schnelllebigeren, digitaler werdenden Welt verschoben? Ein bisschen von alldem, sagt Friedrich Otto-Erley, Leiter der Abteilung Sport bei der FN.  

Grafiken: eigene Darstellung, Daten: FN Jahresturnierbericht 2018

Die Gesamtzahl der Veranstaltungen bewegt sich laut FN-Jahresturnierstatistik 2018 auf insgesamt relativ konstantem Niveau. Trotzdem ist im 10-Jahrestrend ein leichter Rückgang zu erkennen. Deutlicher wird der Abwärtstrend auf der Veranstalterseite beim Blick auf die Zahl der Prüfungen. Während im Jahr 2014 noch bei knapp 71.000 Prüfungen (bzw. Abteilungen, wenn Prüfungen geteilt wurden) gegeneinander geritten wurde, maßen sich Reiter 2018 nur noch in 68.000 Prüfungen miteinander. In den vergangenen fünf Jahren sank die Zahl der Prüfungen im Schnitt um mehr als ein Prozent pro Jahr, 2018 sogar um über zwei Prozent.

Auffällig daran ist, dass besonders das Angebot im A- und L-Bereich abnimmt. Zwei Drittel aller Leistungsprüfungen entfallen auf diese beiden Klassen. Im vergangenen Jahr schrumpfte die Leichte Klasse um 2,5 Prozent, die Anfangsklasse sogar um ganze 3,5 Prozent im Vergleich zu 2017. Eine Abnahme, die sich damit in der Gesamtzahl der Veranstaltungen deutlich bemerkbar macht.

Otto-Erley sucht die Begründung dafür jedoch nicht bei den Veranstaltern, sondern bei den Reitern. Er geht davon aus, dass der Rückgang mit mangelnder Nachfrage zu erklären ist. „Das kann bedeuten, dass einem Teil unserer Reiter die Anforderungen des Leistungssports, selbst auf unterstem Niveau, zu hoch sind. Es kann aber auch bedeuten, dass die Einstiegshürden noch zu hoch sind“, erklärt er. Letzteres zeige auch die sinkende Zahl der Reitabzeichenabsolventen. Dabei hatte die FN erst vor wenigen Jahren das komplette Abzeichensystem umgestellt, um eben diese Hürden abzubauen.

Für diese These spricht die Zunahme an Prüfungen ohne Klasse (also beispielsweise einfache Reiterwettbewerbe) um fast drei Prozent im selben Zeitraum. Aber auch am anderen Ende verzeichnet die Statistik ein Plus: Die Zahl der Prüfungen in der Schweren Klasse ist fast ebenso stark gestiegen. Das sei laut Otto-Erley „nicht zuletzt dank der guten Qualität unserer Pferde“ so. Dennoch entfällt auf beide Klassen ein deutlich geringerer Anteil an Prüfungen, sodass der Rückgang an der Basis damit nicht aufgewogen werden kann.

Das Angebot bricht jedoch nicht nur für Reiter an der Basis zusammen. Auch die Zahl der Prüfungen, die speziell für junge Pferde konzipiert sind, ist im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Besonders drastisch war der Rückgang der Eignungsprüfungen für Reitpferde (-16,8 Prozent) und Fahrpferde (-23 Prozent). Aber auch Gelände- (-10,6 Prozent) und Springpferdeprüfungen (-3,2 Prozent) wurden seltener ausgetragen. Leicht gestiegen sind dafür die Zahlen der Dressur- (+2,3 Prozent), Spring- (+0,7 Prozent) sowie Vielseitigkeits- und Geländeprüfungen (+3,6 Prozent). Otto-Erley führt das auf die ebenfalls sinkenden Bedeckungszahlen der vergangenen Jahre zurück, durch die der Nachwuchs zurzeit knapp wird (mehr dazu weiter unten).

Deutlich rückläufig ist die Zahl der Starts in den vergangenen fünf Jahren. Gingen zunächst jährlich zwei bis drei Prozent weniger Reiter an den Start, betrug das Minus 2018 ganze 3,72 Prozent. Otto-Erley geht davon aus, dass einer der Gründe dafür ist, dass viele Reiter nicht mehr langfristig planen. „Denken Sie zum Beispiel an die vielen Last-Minute-Reisen. So ist es im Pferdesport auch. Da wird erst einmal genannt und dann kurz vor dem Turnier geschaut, ob es hier und heute passt“, sagt er. Eine Folge: Jeder dritte Startplatz wird laut FN nicht genutzt und verfällt.

Die Startplatzbegrenzung, mit der viele Veranstalter besonders beliebte Prüfungen versehen, verstärkt laut Otto-Erley dieses Problem zusätzlich. „Bedauerlicherweise versäumen es viele, ihren einmal erkauften Startplatz wieder freizugeben, so dass andere nicht nachrücken können“, führt er an. Ein Problem, das die FN zwar erkannt habe, eine für Veranstalter und Reiter gleichermaßen gute Lösung sei jedoch noch nicht gefunden.

Eine Entwicklung, die sich erst beim zweiten Blick in die Statistik zeigt, bestätigt ein gängiges Klischee: Reitsport wird immer mehr zur Frauensache. In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der männlichen Reiter mit Turnierlizenz dramatisch um mehr als die Hälfte gesunken. Und das über alle Sparten und Altersgruppen hinweg. Insgesamt gab es gut 12 Prozent weniger Turnierreiter im selben Zeitraum.

1998 waren bereits drei von vier Turnierreitern weiblich. Heute sind es 86 Prozent. Schon damals war die FN alarmiert: „Bereits in den 90er Jahren hat sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung mit dem Thema intensiv befasst – und wurde dafür oft auch innerhalb des Pferdesports belächelt. Das ist verständlich, wenn man den Blick nur auf den Spitzensport richtet, wo das Geschlechterverhältnis noch nahezu ausgewogen ist. Doch allmählich wirkt es sich eben aus, dass von unten deutlich weniger Jungen nachkommen als Mädchen“, ist Otto Erley besorgt.

Das Problem daran: Scheinbar existiert im Reitsport ein echter Teufelskreis. Dadurch, dass nur so wenige Jungen in Reitställen anzutreffen sind, wächst die Hemmschwelle bei denen, die eigentlich trotzdem Interesse am Sport haben, wie Otto-Erley erklärt. „Alle unsere Untersuchungen haben immer wieder zu der Erkenntnis geführt, dass Jungen im Kindergarten- und Grundschulalter genauso Interesse an Pferden zeigen wie Mädchen – aber eben nur in Gesellschaft anderer Jungen“, sagt er. Sie wollten allerdings anders angesprochen und gefördert werden als Mädchen. Etwas, mit dem die Vereinen offenbar noch immer Schwierigkeiten hätten. So gehen wichtige Talente verloren. Denn Jungen, die einmal mit dem Sport begonnen hätten, blieben auch meist dabei, so Otto-Erley. Das wiederum erklärt den hohen Männeranteil im Spitzensport.

Mit Nachwuchsproblemen kämpft die FN auch an anderer Stelle. Wegen der niedrigen Bedeckungszahlen in den vergangenen Jahren ist auch die Zahl der neu eingetragenen Turnierpferde seit 2014 stetig gesunken. „Dieses Minus spüren wir nach wie vor bei Neu-Eintragung von Turnierpferden, was sich wiederum auf die Zahl der Prüfungen für junge Pferde auswirkt“, erklärt Otto-Erley. Er ist allerdings optimistisch, dieses vorübergehende Tief überwinden zu können, da die Bedeckungen wieder ansteigen. Ob sich das allerdings auf die ebenfalls im Abwärtstrend befindlichen Fortschreibungszahlen auswirken wird, ist fraglich. Der Rückgang der Fortschreibungen in den vergangenen fünf Jahren deckt sich nämlich prozentual ziemlich exakt mit dem Rückgang der Jahresturnierlizenzen.

Text: Lena Reichmann

Friedrich Otto-Erley

Friedrich Otto-Erley ist langjähriger Leiter der Abteilung Turniersport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Der Familienvater wurde unter anderem vom Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) zum Sicherheitsbeauftragten für Vielseitigkeit ernannt. Otto-Erley hat als Reiter, Fahrer, Züchter und Turnierfachmann jeden Bereich des Pferdesports kennengelernt. Außerdem gehört das CDU-Parteimitglied zum Rat der Stadt seiner Heimat Warendorf. Foto: FN

Ein Gedanke zu „Der Turniersport schafft sich ab

  • 9. Juli 2019 um 13:02
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    Ich empfinde den Bericht aus Reitersicht nicht absolut objektiv. Es ist doch vielschichtiger. Z.B. ist
    das Problem sicherlich auch dem Stress bei der Turniernennung zuzuschreiben. Montags um 19 Uhr 3-5 Minuten um einen Startplatz zu ergattern. Das nervt extrem und nicht immer hat man um diese Uhrzeit Zeit. Kommt man um 19.15 Uhr sind die Prüfungen in der Regel voll.
    Zudem kann man nur bis 1 Tag vor Nennungsschluss absagen. Sollte es danach zu einem Ausfall von Pferd oder Reiter kommen, kann der Platz nicht mehr freigegeben werden….

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