Die virtuelle Gerüchteküche brodelt bei Herpes und Co.

Die virtuelle Gerüchteküche brodelt bei Herpes und Co.

In der Reiterwelt verbreiten sich Gerüchte rasend schnell - mit schwerwiegenden Folgen, wie aktuelle Beispiele zeigen.

Im vergangenen Winter war es Influenza, im Frühsommer Druse, aktuell Herpes: Immer wieder grassieren Infektionskrankheiten in Pferdeställen, breiten sich manchmal gar über eine ganze Region aus. Und immer wieder, so hat es den Anschein, löst die Nachricht, dass irgendwo ein Tier an einer ansteckenden Krankheit leidet, eine Kettenreaktion aus. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich Meldungen über soziale Medien innerhalb von wenigen Stunden bis Tagen in der Reiterwelt. Ob vages Gerücht oder bestätigte Diagnose scheint dabei kaum eine Rolle zu spielen.

Über Facebook-Gruppen werden die Beiträge hundert-, manchmal sogar tausendfach geteilt, kommentiert und über private Nachrichten bei Whatsapp und Co. weiterverbreitet. Wie beim Stille-Post-Spiel verändert sich dabei nicht selten die Botschaft. Annahmen werden zu Tatsachen befördert und Gerüchte für bare Münze verkauft. Tierarzt Dr. Dirk Schellhoff beunruhigt das: „Welche Panik vor allem in den sozialen Medien und per WhatsApp durch ganz NRW transportiert wurde, ist neu und erschreckend“, sagt er. Und die virtuelle Aufregung hat mitunter erheblichen Folgen.

Das Internet vergisst nichts

Ein Beispiel: Ein halbes Jahr nachdem an einem Reitstall im Ruhrgebiet mehrere Pferde an Druse erkrankt sind, lautet der erste Google-Vorschlag, der beim Eintippen des Stallnamens in der Suchleiste erscheint, „Druse“. Erst danach folgen die Begriffe „Preise“ und „Bewertung“ hinter dem Namen der Anlage. Sucht also ein potenzieller neuer Reitschüler oder Einstaller nach dem Betrieb, wird er direkt damit konfrontiert, dass es dort in der Vergangenheit Fälle der Krankheit gab.

Archivtext: Druse-Verdacht an Bottroper Reitstall

Archivtext: Herpes-Verdacht: 13 Pferde auf Klever Gnadenhof tot

Und auch andersherum funktioniert dieser Test: Wer in diesen Tagen nach den Begriffen „Herpes“ und „Pferd“ sucht, stößt nach nur wenigen Klicks auf den Namen eines Gnadenhofs, auf dem mehrere Tiere vermutlich Opfer des Virus geworden sind. Diese Art der „Werbung“, die zudem auch noch so nachhaltig ist – das Internet vergisst nur langsam –, wünscht sich sicher kein Stallbetreiber.

Verdachtsmeldung löst Kettenreaktion aus

Welche Folgen diese umgangssprachliche „Panikmache“ im Internet haben kann, beobachten unter anderem Tierärzte mit Sorge: Nachdem die vermutlichen Herpesfälle zunächst über Zeitungen bekannt wurden, verbreitete sich die Nachricht über Facebook und Whatsapp schnell in der Reiterschaft aus der Umgebung. Veranstalter reagierten verunsichert, Turniere wurden abgesagt.

Weitere Verdachtsmeldungen machten die Runde, es sollte neue Erkrankungen geben, auch in den umliegenden Kreisen. Einige Stallbesitzer riegelten ihre Höfe ab: Niemand durfte drauf, niemand runter. Reiter gründeten eine Facebookgruppe, in der jedes neue Gerücht zigfach kommentiert und weitergeteilt wird. Bei den Tierärzten und Veterinärämtern liefen die Leitungen heiß, jeder wollte wissen, wo es bestätigte EHV-Fälle gibt, ob das eigene Pferd noch sicher ist. Halter lassen ihre Tiere übereilt impfen, obwohl Veterinäre dringend davon abraten.

Tierarzt warnt vor hysterischen Reaktionen

Ganze Bestände ohne Infektionsverdacht zu sperren, Verbote mit den Pferden auszureiten, spazieren zu gehen, Reitlehrer nicht aus dem Auto aussteigen zu lassen und so weiter sind Maßnahmen, welche die Hysterie und Panik fördern und bei sachlicher Betrachtung des Geschehens am Ziel vorbeischießen“, sagt Schellhoff. Auch „unreflektierte, panikinduzierte Massenimpfungen von kompletten Beständen“ seien „kein Mittel, um einer EHV-Infektion akut vorzubeugen“. Der Tierarzt betont: „Ich kann verstehen, dass man Angst davor hat, dass sein Pferd tödlich erkrankt, aber Panik und das unbedachte Weiterleiten diverser Sprachnachrichten ist das Letzte, was einen weiterbringt.“

Auch Forscher haben sich bereits mit dem Phänomen der virtuellen „Panikmache“ beschäftigt. Sie haben beobachtet, dass im Netz schneller Ängste, zum Teil auch irrationale, geschürt werden. Das reicht von einer Nachricht, die sich viral verbreitet bis zum sogenannten „Scaremongering“, dem „Angstmachen“ durch die übertriebene Darstellung einer drohenden Gefahr. Gerade, wenn die Informationsflut zu groß ist, haben Nutzer offenbar Probleme, die Nachrichten richtig einzuordnen. Der amerikanische Psychiater Edward Hallowell geht davon aus, dass das Gehirn die vielen Informationen dann nicht mehr optimal verwerten kann und die Arbeitsleistung nachlässt. Er nennt dieses Phänomen „Attention Deficit Trait“ (ADT).

Vorsicht bei zu reißerischen Formulierungen

Doch wie können sich Reiter davor schützen, in einen Strudel an Informationen zu geraten und den Überblick zu verlieren? Studien zeigen, dass vor allem Jugendliche soziale Medien als primäre Informationsquelle für tagesaktuelle Themen nutzen. Erst danach folgen Fernsehen, Radio, Youtube und Tageszeitungen. Nur zehn Prozent der Befragten gaben allerdings an, soziale Netzwerke für sehr glaubwürdig zu halten. Die Initiative saferinternet rät Nutzern zur Vorsicht: Reißerische Formulierungen und drastische Bilder sollten skeptisch machen. Eine umgekehrte Bildersuche und Fake-Datenbanken können helfen, Fakenews zu entlarven. Außerdem sollte sich jeder gut überlegen, welche Beiträge er teilt.

Text: Lena Reichmann, Titelbild: Thomas Ulrich/ Pixabay

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