Heftige Kritik an geplanter Tierschutzrichtlinie für den Pferdesport

Heftige Kritik an geplanter Tierschutzrichtlinie für den Pferdesport

Sollen künftig zweieinhalbjährige Pferde geritten werden? Regierung und FN straucheln beim Versuch, den Tierschutz zu verbessern.

Die Pläne der Bundesregierung, die Tierschutzrichtlinie für den Pferdesport zu überarbeiten, haben in den vergangenen Tagen heftige Kritik ausgelöst. Reitern stößt eine Passage, die es erlauben soll, zweieinhalbjährige Pferde regelmäßig zu reiten, auf. Sie haben eine Petition dagegen ins Leben gerufen. Das zuständige Landwirtschaftsministerium betont unterdessen, den Bedürfnissen der Pferde in dem Regelwerk mehr Raum geben zu wollen. Die FN kritisiert das heftig. Mit dem früheren Anreiten habe man jedoch keine Probleme, sagt FN-Generalsekretät Sönke Lauterbach.

Wie kam es zu dem Streit?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium überarbeitet aktuell die „Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport”. Das passiere in regelmäßigen Abständen, Änderungen würden auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse vorgenommen, erklärt eine Ministeriumssprecherin. „Im Vordergrund stehen hierbei das arttypische Bewegungs-, Flucht- und Sozialverhalten.” Die Reiterliche Vereinigung beteiligt sich beratend an dem Prozess, der nun kurz vor dem Abschluss zu stehen scheint, wie Lauterbach am Mittwoch andeutete: „Nun liegt auch das letzte Kapitel vor. Und leider muss man sagen, dass sich die durchweg gute Zusammenarbeit hier nicht fortgesetzt hat.”

Woran stört sich die FN?

Der FN-Generalsekretär störe sich an der Vorgabe, dass junge Pferde zum Ausbildungsbeginn künftig in Gruppenhaltung statt Einzelboxen untergebracht werden sollen. Außerdem sehe die Richtlinie vor, dass Jungpferde künftig nur noch zusammen mit einem ihnen vertrauten Artgenossen den Stall wechseln sollen. Auch erste öffentliche Auftritte, also etwa Turnierstarts, sollen künftig erst sechs Monate nach Ausbildungsbeginn erfolgen dürfen, um die Tieren mehr Zeit zur Vorbereitung zu geben.

Einzelhaltung soll nach Meinung des Ministeriums gerade bei jungen Pferden nur nch in Ausnahmefällen möglich sein. Foto: Pixabay

Das geht so natürlich nicht”, empört sich Lauterbach und macht deutlich, dass er diese Regelung nicht einfach so hinnehmen werde. „Wir haben dem BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Anmerkung der Redaktion) sehr deutlich gemacht, dass wir mit dem Inhalt dieses Kapitels nicht einverstanden sind und diesem auch nicht zustimmen werden.”

Warum reagieren viele Reiter so verärgert?

Während die FN die ihrer Meinung nach zu strenge Regulierung kritisiert, ärgern viele Reiter sich über eine geplante Lockerung in der Richtlinie: Laut FN sei geplant, das Mindestalter für den Ausbildungsbeginn – also regelmäßiges Longieren und Reiten – auf 30 Monate herabzusetzen. Aktuell gelten drei Jahre als Richtwert. Auch mit Blick auf das Körsystem könne man „damit sehr gut leben”, so Lauterbach. Anne Schmatelka von der Community „los-gelassen” ist empört darüber: „In diesem Alter sind die Pferde voll im Wachstum und haben kaum eine Chance gesund zu bleiben”, sagt sie. „Es kann nicht sein, dass das Pferd für den Kommerz immer und immer einen so hohen Preis zahlen muss.”

Online-Petition gestartet
Auf dem Onlineportal avaaz.org hat die Community “los-gelassen” eine “Petition gegen das Herabsetzen des Mindestalters zum Ausbildungsbeginn bei Pferden” gestartet. Am Freitag hatten bereits über 8000 Unterstützer unterschrieben.
Was sagen Tierschützer zur Kritik der Reiter?

Der Deutsche Tierschutzbund – ebenfalls an der Ausarbeitung der Richtlinie beteiligt – betont, das Ziel sei, „dass für die Tiere eine Verbesserung im Vergleich zu den bisher geltenden Leitlinien erzielt wird”. Das grundsätzliche Problem dabei sei, einen Kompromiss zwischen den Interessen von Tierschützern und Reiterverbänden zu finden. Eine Sprecherin der Tierschutzorganisation macht jedoch deutlich: „Eine zu frühe Nutzung, die zur Überforderung des jungen Pferdes führt, ist klar abzulehnen.” Ihrer Ansicht nach gehöre bereits die Vorbereitung eines jungen Pferdes an die Aufgaben, etwa durch Bodenarbeit oder Longieren, zur zielgerichteten Ausbildung. Dabei sei Fingerspitzengefühl gefragt. „Die Ausbildung muss sich am Entwicklungsstand und dem Leistungsvermögen des jeweiligen Pferdes orientieren.”

Was halten Experten vom früheren Anreiten?

Sabrina Schneiders ist DIPO-Pferdeosteotherapeutinund bloggt unter dem Synonym „Reitsport in Harmonie“ unter anderem zum Thema pferdegerechtes Training. Sie warnt eindringlich davor, junge Pferde zu früh zu belasten: „Ein Pferd ist erst im Alter von vier bis sechs Jahren ausgewachsen, bis zu diesem Alter verändert sich das Knochengerüst noch immens. Bis dahin sollte man darauf achten, dass die Knochen des Tieres nicht zu stark belastet oder die Muskulatur überbeansprucht werden, was bei so frühem Antrainieren schnell der Fall sein kann.“ Ansonsten können nach Einschätzung der Therapeutin dauerhafte Probleme auftreten. „Knochengerüstschäden sind sehr schwer bis gar nicht wieder zu kurieren, haben Auswirkungen auf den gesamten Körper und können beim Pferd einen frühzeitigen Verschleiß und so ein Leben lang Schmerzen hervorrufen“, mahnt sie. Darüber hinaus könne auch die Psyche der Pferde „im Kindergartenalter“ leiden.

Was sagt die FN zu den Gegenargumenten?

Sönke Lauterbach bezog am Freitag Position zum früheren Anreiten von Pferden, nachdem der Druck in sozialen Netzwerken und Medien gestiegen war. Er berief sich auf die FN-Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1. Dort ist ein Ausbildungsbeginn im Alter von drei Jahren angegeben. Er zitiert dazu eine FN-Broschüre zum Thema: „Ob dies einige Monate früher oder später geschieht, ist individuell von der Entwicklung des Pferdes abhängig. Wichtiger noch als das Alter ist das richtige und schonende Anreiten.“ Eine wissenschaftliche Studie von Uta König von Borstel von der Universität Gießen käme darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass ein früherer Ausbildungsbeginn sogar von Vorteil sei, „wenn die Rahmenbedingungen stimmen wie zum Beispiel, dass ausreichend zusätzliche, freie Bewegung gewährt wird“.

Wie geht es jetzt weiter?

Noch ist die Leitlinie nicht fertiggestellt, Änderungen können also noch vorgenommen werden. Die FN hat bereits erklärt, gemeinsam mit dem Direktorium für Vollblutzucht- und Rennen ein Gespräch mit dem Landwirtschaftsministerium führen zu wollen. Dabei soll es um die von der Vereinigung kritisierten Passagen gehen. Kritiker können außerdem die Petition im Internet unterschreiben. Werden 50.000 Unterschriften erreicht, gibt es eine Anhörung dazu vor dem Petitionsausschuss. Aber auch, wenn weniger Menschen die Petition unterzeichnen, muss der Petitionsausschuss prüfen, ob das Thema relevant ist. Das Petitionsrecht ist in Artikel 17 des Grundgesetzes geregelt.

Text: Lena Reichmann

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