Keine Werbung für unseren Sport: Eindrücke vom Hamburger Derby

Keine Werbung für unseren Sport: Eindrücke vom Hamburger Derby

Am Wochenende wurde das berühmte Hamburger Derby ausgeritten. Die Zeitspringprüfung am Samstag war leider dominiert von vielen hässlichen Bildern.

Das Hamburger Derby ist eines der renommiertesten Reitturniere der Welt. Da kommen selbst die Öffentlich-Rechtlichen nicht umhin, Reitsport im Fernsehen zu zeigen. Doch statt Werbung für unseren tollen Sport, flimmerten am Samstag wahre Schauerbilder über meinen Bildschirm: Reiter rissen mit aller Kraft an den Zügeln, Pferde rannten völlig orientierungslos und stolpernd durch den Parcours, die Häfte der Paare erreichte noch nicht einmal das Ziel.

Das Equiline Speed-Derby, eine Zeitspringprüfung mit bis zu 1,40 Meter hohen Hindernissen und letzte Probe vor dem Turnierhöhepunkt am Sonntag, zeigte alles außer gutem Reiten – mit einer Ausnahme. 15 deutsche Reiter und ein Brite ritten um 12.000 Euro Preisgeld über einen durchaus anspruchsvollen Kurs, der im Wechsel über klassische Sprünge und naturnahe Derby-Hindernisse wie den irischen Wall, das Pulvermanns Grab oder den berühmten Birkenoxer führte. Fehlerpunkte wurden in Strafsekunden umgerechnet, weswegen die Zeit das einzige Bewertungskriterium für die Paare war.

Moderatorin lobt „mutige Pferde“

Entsprechend rasant gingen die ehrgeizigen Kontrahenten die Prüfung an. Dass viele angesichts des hohen Tempos leider mehr oder weniger die Kontrolle über ihr Pferd verloren: nebensächlich. Jedenfalls für die NDR-Moderatorin, die kaum aus dem Schwärmen über die „mutigen“ Pferde herauskam, die auch aus den unmöglichsten Lagen und trotz offensichtlicher Bodenhaftungsprobleme noch erstaunlich viele der Hürden meisterten. Am Stil der Zweibeiner im Sattel kann das wahrhaft kaum gelegen haben. Denn die versuchten allzu oft, wild mit den Armen rudernd das Gleichgewicht zu halten.

Von feiner Hilfengebung konnte da keine Rede mehr sein. Es wurde geriegelt, gerissen, mit den Sporen nachgetreten und mit der Hüfte geschoben. Geschmeidiger Sitz? Allzu oft Fehlanzeige! Hinter der Bewegung und sich an den Zügeln festhaltend in den Rücken plumpsen war angesagt. Eine unschöne Szene jagte die nächste – so wie ein Reiter nach dem anderen seinen Partner durch den Parcours. Einige der überforderten Tiere waren erst acht oder neun Jahre alt. Bei aller Begeisterung für den Sport zwang sich mir die Frage auf: Muss das sein? Das jubelnde Publikum stellte sie nicht. Auch, warum nur acht der 16 Reiter ins Ziel kamen, schien niemanden zu interessieren.

Das Gesehene ließ mich nicht nur schockiert, sondern auch traurig zurück. Traurig über die hässlichen Bilder. Traurig darüber, dass sich niemand dort daran zu stören schien. Und traurig, weil solche „Vorreiter“ den ganzen Sport in Frage stellen. Wer kann es Tierschützern verübeln, dass sie nach einer solchen Vorstellung den Reitsport verurteilen? Und wie kann man jungen Nachwuchsreitern faires Reiten vermitteln, wenn noch nichtmal die Größen des Sports es leben?

Ein Lichtblick: Whitaker überzeugt mit gutem Reiten

Da kann der erst 22-jährige James Whitaker sein Pferd mit noch so viel Übersicht und Einfühlungsvermögen durch den Kurs begleiten – 15 andere haben das nicht getan. Und auch wenn der einzige stilistisch nahezu einwandfreie Ritt der Prüfung ihm den Sieg brachte, so schrie das Publikum andere Reiter, die ihr Pferd wie ein Ruderboot von einem Sprung zum nächsten schoben und dabei wild mit den Armen fuchtelten, doch deutlich euphorischer ins Ziel.

Kommentar: Lena Reichmann

Die Kommentar genannten Reiter haben unter Androhung rechtlicher Schritte darauf bestanden, nicht namentlich erwähnt zu werden. Pferde-Reich respektiert diesen Wunsch und hat die Namen entsprechend entfernt. Wir weisen alle interessierten aber gerne darauf hin, dass die Ritte weiterhin im Netz anzusehen sind.

Ein Gedanke zu „Keine Werbung für unseren Sport: Eindrücke vom Hamburger Derby

  • 6. Juni 2019 um 12:52
    Permalink

    Liebe Frau Reichmann
    Wir teilen Ihre Eindrücke, diese Reiterei ist gegenüber dem Pferd nicht zu verantworten. Wir kämpfen seit über 30 Jahren für eine pferdegerechte, nachhaltig gesundheitsschonende Ausbildung und feine Reitweise. Festgehalten haben wir diese langjährigen Erfahrungen in unserem neuen Buch „Die Kraft der Diagonalen“ von Gabriele Rachen-Schöneich und Klaus Schöneich (Verlag Müller Rüschlikon). Es zeigt auf, dass ganz besonders auch bei den modernen Sportpferden ein Umdenken in der Ausbildung dringend notwenig ist.

    Wir wünschen viele interessante Lesestunden bei der Lektüre.

    Herzlich,
    Zentrum für Anantomisch richtiges Reiten ARR, Goch

    Link zum Buch:
    https://www.amazon.de/Die-Kraft-Diagonalen-Funktionelles-Anatomisch/dp/3275021524

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.