Luca ist der St. Martin von Gelsenkirchen

Männersache: Folge 2

Luca ist der St. Martin von Gelsenkirchen

Als Luca seine große Schwester zur Reitstunde begleitete, hatte er sofort Lust, sich selbst auch einmal aufs Pferd zu setzen. Das hat er kurz darauf getan. „Mir hat das so viel Spaß gemacht, dass ich mehr wollte“, erinnert sich der Zehnjährige heute. Also kam der damals Sechsjährige regelmäßig zu den Vereinsreitstunden, lernte auf den Schulpferden schnell die Grundlagen und wurde immer ehrgeiziger.

Klassenkameraden wussten lange nichts

Wer den selbstbewussten Jungen erlebt, kann sich nur schwer vorstellen, dass er seinen Mitschülern zunächst nichts von all dem erzählt hat. „Sie haben mich ja auch nicht gefragt“, antwortet er ausweichend auf die Frage, warum er sein Hobby verschwiegen habe. Die anderen Jungen in seiner Klasse hätten damals fast alle Fußball gespielt, erzählt er weiter. „Damit kann ich aber nichts anfangen.“ Nur selten sieht sich der Gelsenkirchener Spiele im Fernsehen an – und hält dann ausgerechnet dem Dortmunder BVB die Daumen.

Viel mehr interessierten ihn schon damals die Pferde. Denn schnell standen für ihn die ersten Turniere an. Erst mit einem Schulpferd, inzwischen darf er ab und an ein Privatpferd reiten. Und stolz zählt er die Erfolge auf, die er in Reiterwettbewerben und Führzügelklassen erritten hat – darunter auch zwei erste Plätze. Seine Großmutter Evelyne Kirsch präsentiert sofort die Beweisfotos dazu. Zufrieden strahlt Luca dort in die Kamera.

Luca war bereits mit mehreren Pferden auf Turnieren erfolgreich. Foto: Privat
Einsam unter Mädchen

Doch der junge Reiter ist nicht immer so glücklich. „Er war eine Zeitlang ziemlich vereinsamt hier am Stall“, erzählt seine Oma. Denn Luca ist dort fast alleine unter Mädchen. Noch nicht einmal eine Handvoll anderer Jungen nehmen in dem Verein Reitstunden. Und die wenigen männlichen Reiter „sind alle noch totale Anfänger“, mit denen er nur wenig anfangen könne.

Luca und sein Liebling, Schulpferd Detlef. Foto: Lena Reichmann

Vielleicht einer der Gründe, aus denen Luca inzwischen ein zweites Hobby hat. Jeden Mittwoch ist er bei der Jugendfeuerwehr. Zum Reiten kommt er deshalb nur noch einmal in der Woche. „Wir versuchen gerade, ihn wieder zu motivieren“, sagt seine Oma. Denn eigentlich liebt der Junge es, mit Pferden zusammen zu sein. Vor allem sein Liebling, Schulpferd Detlef hat es ihm angetan. Wenn er über den großen Fuchs spricht, leuchten seine Augen sofort auf. „Ich mag seine Schnelligkeit, er ist so leicht zu reiten und macht immer gut mit“, schwärmt er.

Damit er sich wieder an seine Freude am Reiten erinnert und den Ärger über die Mädchen vergisst – „die meckern immer so viel“ – haben seine Großmutter und seine Reitlehrerin sich für ihn jetzt etwas besonderes überlegt: Er darf beim Martinszug den St. Martin spielen, eine besondere Ehre, die sonst erst deutlich älteren Vereinsmitgliedern zuteil wird.

Männersache

86 Prozent der Pferdesportler mit FN-Jahresturnierlizenz sind weiblich, Tendenz steigend. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der männlichen Turnierreiter, -fahrer und -voltigierer halbiert. Eine Entwicklung, deren Folgen inzwischen im Spitzensport spürbar werden: „Allmählich wirkt es sich aus, dass von unten deutlich weniger Jungen nachkommen als Mädchen“, sagt Friedrich Otto-Erley, Leiter der Abteilung Turniersport der Reiterlichen Vereinigung. Er beobachtet außerdem, dass selbst Jungen, die Interesse an Pferden zeigen, abgeschreckt werden – weil es in den Reitställen kaum Gleichgesinnte und in der Schule dumme Kommentare gibt. Dabei bieten sich männlichen Talenten, die trotzdem eine Karriere im Pferdesport anstreben, Möglichkeiten, um die sie viele Mädchen beneiden.

Text und Titelbild: Lena Reichmann, Grafik: rawpixel.com/ eigene Darstellung

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