Futterumstellung beim alten Pferd – ein Erfahrungsbericht (2)

Futterumstellung beim alten Pferd - ein Erfahrungsbericht Folge 2: Nachsitzen in Chemie

Reiten bildet nicht nur die Sozialkompetenz und die Rückenmuskulatur aus. Wer sich, wie ich, gerne in seinem Hobby fortbildet, weiß das. Dass man als Pferdebesitzer allerdings sogar in Chemie ausgebildet wird, war mir neu. Aber um durch die umfassenden Ergebnisse der Spektralanalyse durchzusteigen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können, kam ich nicht umhin, mich in dieses mir eigentlich sehr unliebe Fach einzuarbeiten. Hier folgt nun das Ergebnis meiner Mühen:

Mineralstoffe
Diagnose 1: Calciummangel

Die Werte für Kalium und Natrium liegen bei Mr noch im unteren Sollbereich, der Kaliumwert ist etwas höher als der Natriumwert. Das ist normal bei Pferden mit Weidegang. Und da Mr in seiner Box einen Salzleckstein hat, steht ihm Natrium jederzeit zur Verfügung. Hier besteht also kein Grund zur Sorge.

Den liefert hingegen der Calciumwert, der mit 0,6 Milligramm pro Gramm in der Mähnenhaarprobe deutlich zu niedrig ist. Ideal wäre für Mr ein Wert zwischen 1,6 und 2 mg/g. Außerdem muss mit dem Calcium- auch immer der Phosphorwert betrachtet werden. Der sollte laut Labor für Mr am besten bei 0,35 mg/g liegen. Aktuell ist er also zu hoch. Denn während Phosphor ein wichtiger Mineralstoff ist, können erhöhte Konzentrationen des im Körper daraus gebildeten Phosphats schädlich sein und sind für den Körper oft schwer abzubauen – auch beim Menschen.

Calcium

Calcium kommt mengenmäßig am meisten im Körper vor und macht alleine etwa 2 Prozent des gesamten Körpergewichts aus. Es stärkt die Knochen und ist wichtig für Nerven, Muskeln und Blutgerinnung.

Ein Nierenproblem?

Phosphor wird Pferden oft über das beispielsweise in vielen Pellets enthaltene Futterphosphat (meist Dicalciumphosphat, CaHPO4) zugeführt, ist aber auch in Heu und Weidegras sowie Getreidenachprodukten wie Kleie, Weizenkeimen oder Spelzen enthalten. Also kann der Phophatwert durch bewusstes Weglassen einzelner Futtermittel theoretisch gesenkt werden. Klingt einfach umsetzbar, wäre da nicht noch ein Problem: Futterphosphat erhält auch Calcium, das dann anders zugeführt werden muss.

Hinzu kommt mein Verdacht, dass Mr Schwierigkeiten mit den Nieren hat. Der Tierarzt hat das bereits untersucht und konnte keine eindeutige Diagnose stellen (auch, weil Mr sich als wohlerzogener Gentleman weigert, in Anwesenheit von Menschen Wasser zu lassen, wir also nicht an eine Urinprobe kamen).

Phosphor

Phosphor ist nach Calzium das häufigste Mineral im Körper. Es wird vor allem als Baustein für die Knochen und Zähne benötigt und liefert den Zellen wichtige Energien.

Der hohe Phosphorwert könnte nun ein weiteres Indiz dafür sein, dass er Phophate nur schwer über die Harnwage abbauen kann – der Kreatininwert im Blut war ebenfalls erhöht, was Harnstoffwechselprobleme andeutet. Aus der Analyse geht jedoch auch hervor, dass der Aluminiumwert nicht erhöht ist. Das wäre der Fall, wenn die Nierenfunktion grundsätzlich eingeschränkt wäre, denn auch Aluminium wird über die Nieren abgebaut.

Was also tun? „Um auf einen Calciumwert von 1,2 zu kommen, sollte die bestehende Calciumzufuhr um 95 Prozent gesteigert werden. Die bestehende Phosphatzufuhr kann um 33,5 Prozent begrenz werden“, steht in dem Bericht des Labors. Das klingt nach einer Herausforderung für die Fütterung. Wie genau sich der Spagat dennoch umsetzen lässt, dazu später mehr. Schließlich hat Mr noch andere Baustellen.

Diagnose 2: Magnesiummangel

Magnesium kennen die meisten als Wunderwaffe gegen Krämpfe und Muskelkater. Und tatsächlich ist das Mineral auch für Pferde wichtig. Leider hat Mr auch hier einen deutlichen Mangel. Von den benötigten 13 Gramm nimmt er scheinbar nur zwei Drittel über das Futter auf. „Ein Mangel bei der Magnesiumzufuhr kann sich in Verspannungen bei und nach Belastungen bemerkbar machen. Das Pferd reagiert empfindlich auf Belastungen und ist stärker erregbar“, erklärt das Labor.

Letzteres traf in den vergangenen Monaten auffallend auf Mr zu. Das sonst so ausgeglichene Tier war total hibbelig, nervös und konnte kaum stillstehen. Aber warum war der Mangel nicht im Blutbild zu sehen? Pferdefütterungsexpertin Susanne Weyrauch begründet das so: „Erstaunlich ist, dass sich ein Magnesiummangel im Blutbild oft erst dann zeigt, wenn bereits ein großer Teil (bis zu einem Drittel) der Reserven aus dem Knochen mobilisiert wurden.“

Das muss bei Mr passiert sein. Der Mangel muss nun also schnell behoben werden. Denn wie Calcium ist auch der Magnesiumanteil, den Pferde über das Grundfutter aufnehmen oft nicht ausreichend, den Großteil des Minerals nimmt der Körper einfach nicht auf. Ein zusätzliches Mineralfutter also gerade für Reitpferde wichtig.

Essentielle Spurenelemente
Diagnose 3: Eisen- und Manganmangel

Übrigens kann Manganmangel durch schlechte Heuqualität entstehen. Bei Mr vermute ich eher, dass er nicht genug von dem Spurenelement aufnimmt, weil er sein Heu mit recht langen Zähnen frisst und zum Teil sogar liegen lässt, um stattdessen Stroh zu fressen.

Und wieder alte Bekannte

Während der Eisenwert von Mr nur leicht unter dem Soll liegt, was sich über die Gabe von Vitamin C ausgleichen lässt (Das Vitamin sorgt dafür, dass der Körper das Spurenelement aus dem Grundfutter besser aufnimmt), ist Mangan deutlicher im Defizit. Das Spurenelement ist für den Skelettaufbau wichtig und – fast wichtiger für Mr – für die Aufnahme von Calcium. Der Mangel (es fehlen 173 mg pro Tag), lässt sich laut Labor über ein Mineralfutter ausgleichen.

Eisen

Eine besondere Bedeutung hat Eisen für den roten Blutfarbstoff. Dort ist für es Sauerstofftransport und -speicherung zuständig. Außerdem unterstützt Eisen viele Stoffwechselvorgänge.

Der Zink- und Kupferwert von Mr ist im unteren Normalbereich. Da der Körper aber weniger Zink aufnehmen kann, wenn mehr von unserem alten Bekannten Calcium zugeführt wird, werde ich diesen Wert nach der Futterumstellung genau beobachten müssen.

Molybdän

Das Schwermetall ist an Stoffwechselvorgängen beteiligt. Ein Mangel hat zwar kaum Folgen, kann aber Symptom verschiedener Krankheiten sein.

Ein weiteres, wiederkehrendes Bild zeichnet der Molybdän-Wert. Der liegt zwar nur leicht im defizitären Bereich, das deutet laut Labor aber wieder auf eine Störung der Nieren hin. Denn „ein Mangel an Molybdän bedeutet letztlich eine Eiweißverwertungsstörung.“ Und Eiweiß wird über die Nieren abgebaut.

Interessant ist ebenfalls, dass Nierenprobleme meist er auffallen, wenn schon 80 Prozent (!!) des Gewebes die Funktion eingestellt haben. Weil Herzerkrankungen auf Dauer oft ein Nierenleiden nach sich ziehen, habe ich immer genau beobachtet, wie viel Mr trinkt und sofort einen Tierarzt gerufen, als er häufiger zur Tränke ging. Seitdem unterstütze ich seine Nieren mit pflanzlichen Präparaten, auch wenn (noch) keine ernsthafte Erkrankung festzustellen ist.

Diagnose 4: Selenmangel

Deutlicher im Defizit als die anderen Spurenelemente ist Selen. Der Stoff wirkt unter anderem entzündungshemmend, ist also gerade für den an Spat (einer chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankung) erkrankten Mr wichtig. Um seinen Tagesbedarf von 1,625 mg zu decken, sollte es laut Labor ausreichen, ein Drittel der Menge über Mineralfutter zuzuführen. Der Rest sei im Grundfutter enthalten.

Und bei Selen ist Vorsicht geboten: Anders als die meisten anderen Mineralien und Spurenelemente kann eine Überversorgung schlimme Folgen haben und sogar zum Ausschuhen führen. Gras, das eigentlich Hauptlieferant von Selen sein sollte, aber wegen ausgelaugter Böden heute oft nicht mehr ist, sollten daher auch nicht mit selenhaltigen Mitteln gedüngt werden. Den Wert von Mr werde nach der Umstellung genau überwachen.

Wurmbefall?

Der Cobaltwert ist bei Mr ebenfalls zu niedrig. Das kann ein Anzeichen von Wurmbefall sein. Da Mr aber regelmäßig entwurmt wird und Kotproben stets unauffällig waren, möchte ich diesen Wert auch erst einmal beobachten.

Gleiches gilt für den zu niedrigen Zinnwert. Zu wenig Zinn kann zu Problemen mit der Magensäurebildung führen. Mr muss hingegen regelmäßig Medikamente nehmen, um seine Magensäure zu neutralisieren, hat also (aufgrund von Vorerkrankungen) eher ein gegenteiliges Problem.

Cobalt

Cobalt ist Spurenelement und gleichzeitig Bestandteil des Vitamins B12. Im Körper unterstützt es die Bildung roter Blutkörperchen und ist an Zellteilung und am -wachstum beteiligt. Darüber hinaus unterstützt Cobalt die Bildung der Hülle der Fasern. Ein Mangel kann zu Blutarmut führen.

Ultraspurenelemente und sonstiges
Diagnose 5: Siliciummangel

Zwar waren in der Probe alle Elemente der Kategorie im Defizit, bei Lithium, Bor, Bismut und Barium ist das aber uninteressant. Laut Labor ist nicht bekannt, dass die Stoffe für Pferde lebensnotwendig sind. Keine großen Sorgen soll ich mir auch um den Strontiumwert machen – der ist vom Calciumwert abhängig, sollte sich also verbessern, wenn dieses Defizit ausgeglichen wurde. Bleiben Vanadium und Chrom. Die lassen sich über Pflanzenöl bzw Kleie zufüttern.

Vanadium

Vanadium trägt zur Mineralisation der Knochen bei. Es ist am Stoffwechsel von Fetten beteiligt und hilft vermutlich, den Zuckerstoffwechsel zu regulieren.

Am Ende steht nun schließlich nur noch ein letzter bedenklicher Wert: Silicium. Das Spurenelement ist ein wichtiger Nähr- und Aufbaustoff für Knorpelmasse, Bindegewebe, Haut, Haare und Hufe.

Für den an einer degenerativen Herzklappenerkrankung leidenden Mr ist es vielleicht sogar noch mehr, denn eine aktuelle Studie soll belegen, dass Silicium gegen Entstehung und Fortschreiten der Erkrankung helfen kann.

Wieso viele Pferde an Siliciummangel leiden, ist Experten ein Rätsel, denn der Stoff ist Hauptbestandteil von Weidegras und Heu. In Verdacht stehen also wieder zu stark genutzte Böden, die das Gras nicht mit ausreichend Nähstoffen versorgen.

Über ein Kieselerde-Präparat kann das Defizit jedoch ausgeglichen werden. Aber Achtung: Nur zertifizierte Produkte oder eine kurweise Anwendung werden empfohlen, denn Kieselerde kann Barium oder Aluminium enthalten. Beides ist in größeren Mengen giftig.

Chrom

Chrom ist für den Stoffwechsel von Kohlenhydraten (Zucker) wichtig. Es kann außerdem dazu beitragen, die Cholesterinwerte zu verbessern.

Das Fazit

Auch, wenn das nach ganz schön vielen Baustellen klingt, so gibt die Analyse doch genaue Hinweise, worauf bei der Auswahl des richtigen Mineralfutters zu achten ist und welche Präparate darüber hinaus sinnvoll sind. Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

  • Mr braucht ein Calciumpräparat, gleichzeitig muss die Phophatzufuhr verringert werden
  • Magnesium muss zumindest kurzfristig in erhöhter Dosierung zugefüttert werden, danach sollte ein Mineralfutter den Bedarf decken
  • Eisen, Mangan, Selen und Cobald sollten ebenfalls übers Mineralfutter in ausreichender Menge zugefüttert und die Werte weiter beobachtet werden
  • Für mehr Vanadium sollte Mr Pflanzenöl bekommen, Chrom liefern Hafer oder Kleie
  • Weitere Untersuchungen der Nieren stehen vermutlich an und vor der nächsten Wurmkur sollte eine Kotprobe genommen werden
Wie ein Puzzle müssen die einzelnen Elemente des Futterplans nun zusammengesetzt werden, damit am Ende alles passt. Foto: Pixabay

In der nächsten Folge geht es um die Suche nach dem richtigen Mineralfutter und die Zusammenstellung des Futterplans.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.