Per Mausklick zum Traumpferd: Online-Auktionen boomen

Per Mausklick zum Traumpferd: Online-Auktionen boomen

Züchter und Verbände versteigern vermehrt Fohlen im Internet. Sie hoffen auf neue Kunden. Tierschützer sind alarmiert.

Drei, zwei, eins, meins – das geht jetzt auch beim Pferdekauf. Online-Auktionen liegen im Trend. Einem, dem sich inzwischen auch Zuchtverbände angeschlossen haben: Der Hannoveraner-Verband versteigerte im Sommer 34 Fohlen im Internet, das Westfälische Pferdestammbuch 19, bei den Süddeutschen Pferdezuchtverbänden kamen 20 Absetzer unter den virtuellen Hammer. Und während sich die Verkäufer noch über die positive Resonanz der Verkaufsveranstaltungen freuen, reagieren Tierschützer empört.

Kein Mensch sollte seinen tierischen Partner wie einen Gebrauchsgegenstand über Onlineportale oder Auktionen kaufen“, sagt Jana Hoger von der Tierschutzorganisation Peta. Wie der Deutsche Tierschutzbund fordert sie ein Verbot des Onlinehandels mit Tieren. In Deutschland benötigen gewerbliche Händler aktuell nämlich nur eine Erlaubnis vom Veterinäramt.

Die Tierschützer berufen sich bei ihrer Kritik vor allem auf die Anonymität im Netz. Verkäufer könnten dadurch kaum einschätzen, in welche Hände sie ihr Pferd abgeben. Auf der anderen Seite hätten Käufer nicht die Möglichkeit, das Tier vor dem Kauf persönlich kennenzulernen. Das berge immer das Risiko von enttäuschten Erwartungen.

Ausländische Käufer im Fokus

Ein Problem, das Wilken Treu, Geschäftsführer des Westfälischen Pferdestammbuchs, kennt: „Es kommt beim Onlinekauf immer darauf an, ob das Produkt ohne physisches Ausprobieren die notwendige Begehrlichkeit erwecken kann“, sagt er. Bei Fohlen sei das wahrscheinlicher als bei Reitpferden, weshalb der Verband zunächst auf Fohlenauktionen setzt. Treu glaubt dennoch an die Möglichkeiten des World Wide Web für den Pferdehandel. „Das wird sicherlich insbesondere für ausländische Käufer eine gute Möglichkeit bieten und sichert zudem den weltweiten Absatz.“

Und tatsächlich zeigt ein Blick auf die Zahlen: Acht westfälische Auktionsfohlen gingen an ausländische Bieter, drei davon über den Atlantik nach Mexiko. Noch internationaler war der Kundenkreis der ersten Hannoveraner-Auktion im Netz. Nach Angaben des Verbands klickten sich User aus 63 Ländern durch die Kollektion, mehr als 200 von ihnen registrierten sich auf der Webseite, um mitzubieten. Am Ende traten sieben Fohlen eine Reise ins Ausland an.

Während die Fohlen auf der Weide heranwachsen, liefern sich Bieter im Netz Duelle um die zukünftigen Sporthoffnungen. Foto: Lena Reichmann
Bieter sind online zurückhaltender

Aber steigert der Onlinehandel auch die Verkaufspreise? Verschiedene psychologische Studien kamen in der Vergangenheit schließlich immer zum selben Ergebnis: Kunden zahlen bei Online-Auktionen gerne zu viel. Verhaltensökonom Dan Ariely und Marketingexperte Itamar Simonson wollen sogar herausgefunden haben, dass bei 500 Onlinetransaktionen ganze 99 Prozent der Waren – in diesem Fall Bücher, CDs und DVDs – überteuert verkauft wurden. Denn wer erst einmal ein Gebot auf etwas abgegeben habe, der wolle es am Ende auch besitzen. Ob der gezahlte Preis dann dem eigentlichen Wert entspricht, werde nebensächlich.

Eine Theorie, die auf Pferdeauktionen scheinbar nicht zutrifft. Dort bieten die Käufer im Netz doch etwas zögerlicher. Das jedenfalls lassen folgende Beispiele vermuten: Insgesamt brachte die dritte westfälische Online-Auktion Mitte September 105.750 Euro ein, der Durchschnittspreis lag bei 5566 Euro für ein Fohlen. Mehr als die 9250 Euro, die ein Niederländer für das Stutfohlen Viva Forever von Vitalis bot, zahlte niemand.

Zum Vergleich: Bei der „klassischen“ Fohlenauktion, ebenfalls Mitte September zahlten die Kunden durchschnittlich 10.000 Euro für einen Absetzer aus dem zwölfköpfigen Lot, die Preisspitze lag bei 16.000 Euro für die Comme il faut-Tochter Catina.

Bei der dritten Onlineauktion des Westfälischen Pferdestammbuchs war der Käuferkreis international, wie dieser Screenshot der Auktionsseite zeigt.
Ein Hengstfohlen für 19.000 Euro

Ein weniger deutliches und trotzdem ähnliches Bild boten die hannoverschen Auktionen in diesem Jahr. 6933 Euro zahlten die Onlinekunden bei der ersten Fohlenauktion im Netz im Schnitt für Hannoveraner-Nachwuchs ohne diesen vorher live gesehen zu haben. Die For Romance-Stute Francie Bell Boa bildete im September mit 16.500 Euro mit Abstand die Preisspitze.

Ganz analog wechselten im Oktober 40 Fohlen bei der 136. Eliteauktion in Verden den Besitzer – für durchschnittlich 7100 Euro. Hengst Dixon (von Dante’s Junior) war einem niedersächsischen Aufzüchter sogar 19.000 Euro wert, so viel wie kein anderes Fohlen an diesem Tag.

Sosath setzt auf starke Partner

Gerd Sosath sieht im digitalen Pferdehandel dennoch klare Pluspunkte. Der renommierte Züchter hat im August zum ersten Mal einige Nachzuchten im Internet versteigert. „Die Online-Auktion bietet für alle Beteiligten Vorteile“, ist er überzeugt und zählt auf: „Züchter müssen ihr Fohlen nur einmal verladen und präsentieren. Nach dem Vet-Check können die Fohlen den Sommer entspannt bei ihren Müttern auf der Weide verbringen. Die Käufer können bequem von zu Hause oder auch unterwegs bieten.“

Mit Interessenten aus 14 Ländern und einem Durchschnittspreis von 8200 Euro stuft Sosath selbst die Auktion als Erfolg ein. „Wir haben direkt im Anschluss Telefonanrufe von glücklichen Käufern bekommen“, berichtet er und kündigt an: „Im kommenden Jahr wird es eine zweite Auflage dieser Vermarktungsplattform geben.” Die, so wirbt er, sei besonders für Züchter komfortabel. Die Videos für die Webseite waren direkt bei Fohlenschauen entstanden, mit dem Marketing und der technischen Abwicklung hatte Sosath externe Unternehmen beauftragt.

Erfahrungen mit Air Berlin

In dem Hamburger Auktionshaus Dechow, das im vergangenen Jahr mit der Versteigerung des Air Berlin-Bestands Aufsehen erregte, hat der Pferdezüchter einen erfahrenen Partner gefunden. Einen, der ihm als Fachmann bei der Zusammenstellung des Lots aus 31 Fohlen freie Hand lies, aber das nötige Know How mitbrachte, um die Versteigerung rechtlich und steuerlich sauber über die Bühne zu bringen. Denn „von technischer Seite gesehen unterscheidet sich eine Pferdeauktion nicht von einer industriellen“, erklärt Projektmanagerin Simone Teichelkamp.

Dass Interessenten die Auktion auf der Webseite von Gerd Sosath und dem Auktionshaus über 100.000 Mal angeklickt haben, lag wohl mit am Marketing. Damit beauftragte Sosath keinen geringeren als den Marktführer. Mit über 100.000 vermittelten Pferden in den vergangenen 15 Jahren ist die Verkaufsplattform ehorses europaweit führend. Neben privaten und gewerblichen Verkaufsangeboten tummeln sich auch Auktionsanzeigen in dem Portal. „Viele Auktionspferde werden zusätzlich bei uns eingestellt“, erklärt Kundenbetreuerin Katja Möllerherm. „Dies geschieht in der Regel über einen kostenpflichtigen Account. Sprich der Kunde stellt die Pferde selbstständig bei uns ein.“ In der Anzeige werde dann ein Link zur Auktionsseite platziert.

Die große Reichweite von ehorses nutzen einige Auktionäre, um zusätzlich Werbeanzeigen zu schalten. „Grundsätzlich können wir feststellen, dass Werbemittel der Auktionen gut performen und eine hohe Klickrate haben“, sagt Möllerherm. Der potentiell größere Kundenkreis ist für sie eines der wichtigsten Argumente für Versteigerungen im Netz.

Kaum private Interessenten

Dennoch melden sich zum virtuellen Bieterduell um das erfolgversprechendste Nachwuchspferd nach Angaben der Anbieter vor allem gewerbliche Kunden an. Wie bei vielen klassischen Auktionen sind private Käufer, die nach einem neuen Freizeit- und Sportpartner suchen, in der Unterzahl. Wilken Treu wundert das nicht. „Ich denke, dass man die derzeitige Lage als Aufbau eines neues Bereichs ansehen muss, der dann in den nächsten Jahren immer selbstverständlicher wird – dann wahrscheinlich auch für Privatpersonen.“

Text: Lena Reichmann

Titelbild: succo von Pixabay

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