So kämpft die FN gegen Alkoholmissbrauch auf Turnieren

So kämpft die FN gegen Alkoholmissbrauch auf Turnieren

Beim Preis der Besten gilt für Reiter eine Null-Promille-Grenze und die wird kontrolliert. Das halten Aktive, Betreuer und Offizielle davon.

Kühle Feuchte steigt vom Dressurviereck hinter den Stallungen des DOKR hoch. Die ersten Reiter lösen ihre Pferde. Ein Trainer steht am Bahnrand und spricht leise in sein Headset. Einzelne Vogelstimmen durchdringen die konzentrierte Stille, ab und zu schnaubt ein Pferd. „Wärst Du bereit, einmal zu pusten?“ Der angesprochene Reiter schaut Maria Schierhölter-Otte verwirrt an, nickt dann aber. Die Leiterin der FN-Abteilung Jugend drückt ihm einen Atemalkoholtester in die behandschuhte Hand. „Hast Du das schon mal gemacht?“ „Nein, noch nie.“ Nach kurzer Einweisung klappt der Test auf dem Pferd trotzdem. Ergebnis: 0,00 Promille. Der Reiter verlässt im Schritt den Platz in Richtung der Stallungen.

Später am Tag wird es für ihn genau hier um alles gehen. Er kämpft um einen der begehrten Plätze im Bundesnachwuchskader und bei der Jugend-Europameisterschaft. Dazu sind Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland an diesem Wochenende nach Warendorf gereist. Auf dem Transporterparkplatz reiht sich entsprechend ein LKW an den nächsten. Viele Teilnehmer beim Preis der Besten schlafen in den Transportern statt im Hotel. Und die meisten hier kennen sich schon seit Jahren. Da kann es schon mal passieren, dass ein Sieg etwas ausschweifender gefeiert wird.

Veranstalter kündigt Kontrollen in der Ausschreibung an

Alkohol ist dabei aber tabu. Denn auf dem Pferd gilt eine Null-Promille-Grenze. Die ist in der Ausschreibung festgelegt. Der Veranstalter kündigt dort außerdem an, die Einhaltung dieser Grenze zu kontrollieren. Wer alkoholisiert erwischt wird, muss mit Konsequenzen rechnen: „Überschreitet bei Teilnehmern das Ergebnis der Atemalkoholkontrollen einen Wert von 0,0mg/Liter, so werden diese von der Teilnahme am Preis der Besten ausgeschlossen“, heißt es in der Ausschreibung.

Von Katerstimmung kann am Samstagmorgen keine Rede sein. Im Gegenteil. Die Reiter auf dem Dressurplatz wirken wach und fokussiert. Und auch, wenn viele Maria Schierhölter-Otte irritiert ansehen, pusten doch alle ohne Widerworte in das Plastikröhrchen des Messgeräts. Das Ergebnis: Immer negativ.

Auch vor der Dressurprüfung müssen die Reiter pusten - hier Kim Zoe Müller. Foto: Lena Reichmann

So auch bei Emilia Jensen. Ihre Mutter ist sichtlich erfreut über die Präventionsmaßnahme: „Ein Sportler weiß in der Regel, wann es drauf ankommt. Trotzdem ist das ein Zeichen“, sagt sie. Leider haben sich in der Vergangenheit aber nicht alle Reiter vorbildlich verhalten. Immer wieder kam es zu Alkoholexzessen am Rande von Turnieren. Zuletzt geriet der Verband dadurch stark in die Kritik. Dabei waren es laut Schierhölter-Otte „immer die gleichen“, die unangenehm auffielen, und der Verband habe Strafen verhängt. Eine große Mehrheit habe sich absolut korrekt verhalten. Einen Skandal konnte die FN trotzdem nicht vermeiden. Astrid Jensen ist deshalb überzeugt: „Wenn wir wollen, dass es weitergeht, müssen wir uns alle zusammenreißen.“

Enthüllungsstory löste einen Skandal aus

Ein Bericht des Spiegel über Alkoholexzesse und sexuelle Übergriffe im Nachwuchskader Springen war im vergangenen Jahr Auslöser des Skandals. Die Betreuer der Sportler werden seitdem nicht müde zu betonen, dass es sich dabei um Einzelfälle gehandelt habe. Der Imageschaden für den Sport ist dennoch spürbar. Gerade Springreiter stehen im Fokus des Medieninteresses. Bei ihnen, so Schiehölter-Otte, sei Alkohol tatsächlich eher ein Thema. „In der Dressur haben wir das gar nicht.“

Die zuständige Jugendwartin, Heidi van Thiel, hat sich daher mit ihrem Messgerät am Abreiteplatz der Springreiter positioniert. Gerade läuft die erste Prüfung des Tages, ein S**-Springen für Junge Reiter (U21). Obwohl auch hier alle wach und konzentriert wirken, hat van Thiel Namen auf der Starterliste eingekreist. Zufällig ausgewählt, versichert sie. Dass Tests durchgeführt werden, findet sie wichtig, um die Jugendlichen für das Thema zu sensibilisieren. Dabei gehe es nicht um Bevormundung: „Wir wollen keine Verbote machen, sondern Verständnis schaffen. In unserem Sport muss nicht nur das Pferd fit sein. Für einen Parcours braucht der Reiter Konzentration und Balance.“

Ein Zeichen, auch für jüngere Reiter

Denn Reiter tragen auch immer die Verantwortung für ihr Pferd. Unkonzentriert an den Start zu gehen, ist deshalb in doppeltes Risiko, wie der ehemalige Bundestrainer der Junioren und Jungen Reiter, Markus Merschformann, erklärt. Hinzu komme, dass der Reitsport ohnehin an besonderen Maßstäben gemessen werde: „Weil wir einen Sport mit Tieren betreiben, schaut die Öffentlichkeit viel genauer hin.“ Bei Skandalen stehe schnell der ganze Sport in Frage.

Hat eine Mission: Heidi van Thiel, Jugendwartin der Springreiter, will das Image ihrer Schützlinge wieder verbessern. Dazu steht sie mit Atemalkohol-Messgerät am Abreiteplatz. Foto: Lena Reichmann

Wie schnell das geht, erschüttert Heidi van Thiel noch immer. Wenn sie an die Spiegel-Berichterstattung und ihre Folgen zurückdenkt, kommen ihr sofort die Tränen. „Nun werden alle unter Generalverdacht gestellt, dabei verhalten sich die allermeisten absolut tadellos“, sagt sie. Um Verdächtigungen die Substanz zu entziehen, führt sie die Kontrollen durch. Sie hofft, damit zusätzlich ein Zeichen für jüngere Reiter zu setzen. Bei den Ponyreitern (U16) und Children (U14) gibt es zwar keine Kontrollen, sie sollen in den älteren Reitern aber Vorbilder finden.

Jetzt sind die Vereine in der Pflicht

Ich muss auf so einem Turnier nichts trinken“, sagt Marina Röhrig. Nachdem sie den Parcours des S-Springens absolviert hat, bittet Heidi van Thiel auch sie, zu pusten. „Ich habe damit kein Problem“, stellt die Reiterin klar. Und auch bei ihr ist alles im alkoholfreien Bereich.

Aber wie sieht das auf kleineren Turnieren aus? Während die FN im Rahmen von bundesweiten Veranstaltungen seit vielen Jahren aktiv Prävention betreibt, Lehrgänge durchführt, Gespräche mit Reitern und Eltern führt und immer wieder Kontrollen durchführt, fehlen solche Maßnahmen weiter unten. „Viele Vereine machen kaum noch Jugendarbeit“, kritisiert van Thiel. Sie sieht Reitvereine und Landesverbände in der Verantwortung, auch im Breitensport gegen exzessives Trinken vorzugehen. Um das zu erleichtern, wird eine 0,5-Promillegrenze für Turnierreiter in die LPO ausgenommen. So können Kontrollen auch dann durchgeführt werden, wenn in der Ausschreibung nicht explizit darauf hingewiesen wurde.

„Wärst Du bereit, zu pusten?“, werden Reiter also in Zukunft häufiger gefragt.

Text: Lena Reichmann

Hier geht es zum Artikel „FN beschließt Promillegrenze für Reiter“

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