Loris voltigiert als Pizzabäcker bei der deutschen Meisterschaft

Männersache: Folge 1

Loris voltigiert als Pizzabäcker bei der deutschen Meisterschaft

Loris Cavaliere ist der erste Pferdebegeisterte in seiner Familie, dass er den Weg in den Stall gefunden hat, war eher zufällig: Der Kinderarzt hatte seiner kleinen Schwester Reiten gegen ihre Rückenprobleme empfohlen und weil die Reitschule sie noch für zu jung hielt, kam sie in die Voltigiergruppe. Als der damals Achtjährige sie zum Training begleitete, fand er schnell selbst Gefallen am Turnen auf dem Pferderücken.

Da er als Junge dabei eine echte Ausnahme war, förderte der Verein ihn und er verbesserte sich zusehends, stieg innerhalb von nur zwei Jahren in die Gruppe der Besten auf. Schnell standen die ersten Turnierstarts an und das Training wurde intensiver. „Anfangs waren meine Eltern froh, dass ich etwas Sinnvolles mache, aber dann wurde es plötzlich immer mehr“, erinnert sich der heute 18-Jährige zurück. Seine gesamte Freizeit habe er mit seinem Team verbracht. Nicht ohne Folgen: „Ich hatte immer fast nur weibliche Freunde.“

Loris Cavaliere (18) und Stute La Cara. Foto: Lena Reichmann

Gerade zu Beginn der Pubertät sei das nicht einfach gewesen: „Da gab es ständig Zickereien.“ Trotzdem habe er sich keinen anderen Sport für sich vorstellen können. „Ich mag die Abwechslung und das ganze Drumherum mit dem Team. Außerdem hasse ich Fußball und diese typischen Jungs-Sportarten.“

Schule wird zur Nebensache

Als sein Verein, der RV Lippische Rose, die Voltigiermannschaft komplett neu aufstellte, begann für den Oerlinghausener der Weg in den höheren Sport. Er nahm an den ersten Einzelwettkämpfen teil und kämpfte sich hoch bis in die Klasse M.

Wegen seines Erfolgs sei er damals aus den pubertären Streitigkeiten einfach herausgewachsen, erzählt er: „Ich war schnell nicht mehr unter Gleichaltrigen.“ Von dummen Sprüchen sei er in der Schule ebenfalls bis heute weitestgehend verschont geblieben. „Dadurch, dass ich immer recht erfolgreich war, gab es wenig Probleme. Seit meinem Wechsel von der Realschule aufs Gymnasium habe ich außerdem einen Altersvorteil.“ Seine Mitschüler sind nun ein Jahr jünger als er.

Loris Cavaliere bei den Westfälischen Meisterschaften im Juni 2019 in Brakel. Dort belegte er den zweiten Platz in der Einzelwertung. Foto Stina Middeldorf

Die Schule spiele in seinem völlig vom Training dominierten Leben ohnehin kaum eine Rolle: „Die besucht man und das ist es auch.“ Denn inzwischen gehört der Abiturient zum westfälischen Landeskader, trainiert dreimal in der Woche mit dem Pferd, absolviert mehrere Technikeinheiten und geht sechsmal ins Fitnessstudio. Gerade das Pferdetraining ist außerdem oft mit langen Fahrten verbunden. „Da ist es mit Freizeit schon schwer.“

Trotz seines Erfolgs ist Loris Cavaliere bescheiden geblieben. Mitte September darf er zum zweiten Mal an den deutschen Jugendmeisterschaften in Krumke, Sachsen-Anhalt, teilnehmen, auch „weil ich ein Junge bin“, sagt er.  Wegen eines Bänderrisses fiel er bei wichtigen Qualifikationen aus. Nun ist er per Wildcard nachnominiert. Die bekommen Männer leichter, weil es weniger Bewerber darum gibt.

Mannschaftserfolge sind bedeutender

Seit seiner Kindheit kennt er solche Situationen. Er wurde stets gefördert, vordere Plätze bei Turnieren wegen Mangels an Konkurrenz waren keine Seltenheit. Auf seine Podiumsplätze bei Westfälischen Meisterschaften ist er dennoch stolz, auch, weil gerade in Westfalen die männliche Konkurrenz größer ist als anderswo. „Die Erfolge mit der Mannschaft bedeuten mir aber mehr“, räumt er ein. Deshalb startet er parallel mit dem Team und alleine.

Zeit für ein Privatleben bleibt da kaum, selbst seine Freundinnen waren immer selbst Voltigiererinnen. Zeitmangel ist auch der Grund dafür, dass der junge Mann, der sich so elegant auf dem Pferderücken bewegen kann, nie reiten gelernt hat und kein eigenes Pferd besitzt. Die Stute La Cara, die ihn seit zwei Jahren treu begleitet, gehört seinem Trainer und Longenführer Sven Fuhrmann.

Für die deutsche Meisterschaft haben sie sich einiges vorgenommen. In seiner Kür will der junge Mann als Pizzabäcker an seine italienischen Wurzeln erinnern (sein Vater ist Gastronom) und hofft, sich damit auf einen der vorderen Plätze zu turnen.

Männersache

86 Prozent der Pferdesportler mit FN-Jahresturnierlizenz sind weiblich, Tendenz steigend. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der männlichen Turnierreiter, -fahrer und -voltigierer halbiert. Eine Entwicklung, deren Folgen inzwischen im Spitzensport spürbar werden: „Allmählich wirkt es sich aus, dass von unten deutlich weniger Jungen nachkommen als Mädchen“, sagt Friedrich Otto-Erley, Leiter der Abteilung Turniersport der Reiterlichen Vereinigung. Er beobachtet außerdem, dass selbst Jungen, die Interesse an Pferden zeigen, abgeschreckt werden – weil es in den Reitställen kaum Gleichgesinnte und in der Schule dumme Kommentare gibt. Dabei bieten sich männlichen Talenten, die trotzdem eine Karriere im Pferdesport anstreben, Möglichkeiten, um die sie viele Mädchen beneiden.

Text: Lena Reichmann, Titelbild: Stina Middeldorf, Grafik: rawpixel.com/ eigene Darstellung

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