Was wirklich gegen chronischen Husten beim Pferd hilft

Was wirklich gegen chronischen Husten beim Pferd hilft

Immer neue Therapien versprechen Linderung bei COB und Co. Lungenspezialistin Martine Antys-Becker erklärt, was wann sinnvoll ist - und was nicht.

Gerade nach der Heufütterung bricht in vielen Ställen ein wahrer Hustenkanon los. Immer mehr Pferde leiden an Atemwegserkrankungen, bekommen schlecht Luft. Die belgische Lungenspezialistin Dr. Martine Antys-Becker, die auch in Deutschland praktiziert, beobachtet die Entwicklung besorgt. „Schon ein Mal husten ist verkehrt”, sagt sie. Im Gespräch mit Pferde-Reich erklärt sie, worauf Besitzer von hustenden Pferden achten müssen und welche Therapie wirklich hilft.

Die Diagnosen, die Tierärzte bei anhaltendem Husten stellen, kommen oft in Form unverständlicher Abkürzungen wie COB oder COPD daher. Aber auch Dämpfigkeit oder verschiedene Allergien werden diagnostiziert. „Im Prinzip ist das alles das gleiche: Eine Staubunverträglichkeit”, sagt die Expertin. Die könne unterschiedliche Ursachen haben. Oft seien die Probleme haltungsbedingt, aber auch nach einer Infektion könne ein chronischer Husten bleiben. Heilbar sei der nicht, aber therapierbar.

Internistin und Lungenspezialisten Dr. Martine Antys-Becker aus Belgien. Foto: Facebook
Ursachenforschung fängt im Stall an
Aufnahme des Lungeneingangs. Mit einer Brochoskopie können Tierärzte den Grund für hartnäckigen Husten suchen. Foto: Martine Antys-Becker

Zur Ursachenforschung setzt Antys-Becker deshalb nicht nur auf klinische Untersuchungen, sondern besucht ihre Patienten auch zu Hause. Denn auf den ersten Blick sei nicht immer zu erkennen, wo das Problem liege. In vielen Fällen könne eine Umstellung der Einstreu auf staubarme Späne sowie der Rauhfutterfütterung auf nasses Heu aber Abhilfe schaffen. Ob das Heu gewässert oder bedampft werde, sei dabei zweitrangig, solange es nass verfüttert werde.

Die Angst, das Futter verliere beim Bewässern zu viele Nährstoffe, kann die Tierärztin den Besitzern nehmen: „Dabei geht nur die wasserlösliche Glukose, also Zucker, verloren.” Mangelerscheinungen infolge der Fütterung von nassem Heu habe sie noch nie erlebt.

Eine weitere mögliche Ursache für Atemprobleme ist laut Antys-Becker mangelnde Bewegung. „In der Natur laufen Pferde den ganzen Tag, in Stallhaltung meist nur eine Stunde. So wird die Lunge nicht richtig belüftet”, erklärt sie. In einigen Fällen sollten Besitzer deshalb über eine Änderung der Haltungsform nachdenken. Bevor es so weit kommt, will die Tierärztin aber versuchen, mit Besitzern und Stallbetreibern eine Lösung zu finden, wie die Haltung an die Bedürfnisse des kranken Tieres angepasst werden kann. „Mein Ziel ist ganz klar: Nie den Stall wechseln”, betont sie.

Viel Bewegung an der frischen Luft ist für hustende Pferde wichtig. Foto: Pixabay
Ohne Medikamente geht es meist nicht

Neben der Verbesserung der Haltung benötigten viele Pferde auch medikamentöse Hilfe. Antys-Becker rät zur kurweisen Inhalationstherapie mit Cortison. Das lindere Entzündungen und löse Verkrampfungen in der Lunge. Da die Präparate mitunter starke Nebenwirkungen haben, etwa Hufrehe auslösen können, sollten sie so niedrig wie möglich dosiert werden. Statt die Medikamente also zu spritzen oder über das Futter einzugeben, sei eine Inhalationstherapie sinnvoll. Verschiedene Hersteller bieten dafür Geräte an, die mit Luftkompression oder Ultraschall den Wirkstoff in feinen Nebel verwandelt. Über die Atemluft gelangt dieser direkt in die Lungen. Um festsitzenden Schleim zu lösen, kann über die Masken auch Kochsalz vernebelt werden.

Inhalation: Ja, aber richtig!

Die Firma Nebutec gehört zu den Marktführern von Inhalationsgeräten. Auf der Internetseite der Firma wird ebenfalls betont, wie wichtig Haltungsoptimierung bei hustenden Pferden sei. „Parallel zur Anpassung von Haltung und Fütterung ist oftmals eine zusätzliche medikamentöse Behandlung unumgänglich”, heißt es weiter. Der Hersteller nennt als Vorteile der Verabreichung von Medikamenten über Inhalation, dass diese wegen der niedrigeren Dosierung weniger Nebenwirkungen hätten. Außerdem würden die Dopingkarenzzeiten bei Sportpferden dadurch kürzer. Nebutec rät Besitzern chronisch kranker Pferde zur langfristigen Therapie mit den sogenannten Aerosolen (einem Gemisch aus festen und flüssigen Schwebeteilchen mit Luft).

Über einen mobilen Inhalator können Medikamente und Kochsalz vernebelt werden. Foto: Lena Reichmann

Von einer dauerhaften Inhalationstherapie rät Anty-Becker ab. „Kochsalz ist generell sehr zu empfehlen, aber auf Dauer werden die Lungen faul, weil sie selbst keine Feuchtigkeit mehr bilden müssen”, erklärt sie. Sie empfiehlt Besitzern, genau auf ihr Pferd zu achten. Bei ersten Anzeichen, dass sich der Zustand des Tieres verschlechtert, sei es ratsam, einige Male mit Kochsalz zu inhalieren. Meist ließen sich mit dem richtigen Management die Symptome in den Griff bekommen. „Aber ich habe auch schon drei oder vier Pferde an die Nordsee geschickt”, gibt die Expertin zu. In besonders schweren Fällen könne Seeluft die letzte Möglichkeit der Therapie sein. Das Problem: „Kommen die Pferde erneut mit Staub in Kontakt, fängt der Husten innerhalb von acht Stunden wieder an.” Pferde müssten daher dauerhaft umziehen, ein Kuraufenthalt am Meer sei nicht zu empfehlen.

Seeluft in die Box holen

Eine neuere Technologie verspricht, diesen Konflikt zu lösen. In Inhalationsboxen oder -anhängern soll Nordseeklima künstlich erzeugt werden. Dazu vernebeln Maschinen Sole und reichern die Luft zusätzlich mit reinem Sauerstoff an. Auch weit von der Küste entfernt sollen Pferde so Seeluft atmen können. Die Firma Oxygenconcept brachte die Technik 2016 für Pferde auf den Markt, bereits seit 2001 wird sie im Humanbereich angewandt.

Geschäftsführerin Claudia Klauenberg listet die positiven Folgen der Inhalationstherapie auf, die sie selbst beobachtet hat: „Steigerung der Rittigkeit, Leistungsbereitschaft, Motivation, Prävention und Regeneration.” Sie wünscht sich, dass Besitzer nicht erst mit bereits chronisch erkrankten Pferden die Therapie beginnen, sondern schon bei den ersten Hustern. „Dann hätten wir die schweren Fälle nicht mehr so dramatisch und würden den Pferden viel Cortison ersparen”, ist sie sich sicher.

Ernüchternde Ergebnisse im Kampf gegen Allergien

Ich fand die Idee anfangs super. Leider waren meine Erfahrungen damit aber nicht sehr überzeugend”, resümiert Antys-Becker ernüchtert, nachdem sie die Technik ausprobiert hat. Nicht überzeugt ist sie auch von der von vielen Tierärzten empfohlenen Desensibilisierung bei Allergien. „Meiner Erfahrung nach bringt das kaum etwas. Die meisten Pferde reagieren auf Staub, also alle Partikel, die kleiner als fünf Mikrometer sind.” Allergien gegen einzelne Gräser seien dagegen sehr selten, die extrem teure Therapie daher meist wirkungslos.

Um Atemwegserkrankungen vorzubeugen sei es wichtig, Pferde ausreichend zu bewegen. Antys-Becker empfiehlt die Haltung in großen Offenställen oder Paddocktrails, wo die Tiere sich Tag und Nacht bewegen müssen. Geschlossene Fenster und Türen seien hingegen kontraproduktiv, die Angst, Pferde würden frieren, unbegründet. Auch Tiere beim ersten Husten zu schonen, sei falsch. Nur durch Bewegung könnten Verkrampfungen in der Lunge gelöst werden. Deshalb „lieber Zügel lang, Kopf runter und einmal richtig scheuchen”.

Text: Lena Reichmann

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